• URSULA

Darf Düsseldorf das?!?

Karneval polarisiert. Das ist klar.

Die einen tüfteln bereits am Tag nach Aschermittwoch an ihrem nächsten Kostüm, die anderen würden am liebsten über die tollen Tage ganz weit weg auswandern.

Das ist so in Düsseldorf, Mainz, Bonn, Aachen.. ja, sogar in Köln der exzessivsten deutschen Karnevalshochburg, eben überall wo Karneval gefeiert wird.


Was ist eigentlich Karneval?

Diese Frage ist tatsächlich nicht mal eben so beantwortet.

Es ist komplex, da regional ganz verschieden und im Kern doch gleich.

Zumindest die Herkunft des Begriffs KARNEVAL ist verlässlich geklärt.


Der Begriff Karneval kommt aus dem Lateinischen "carne vale" was so viel heißt wie "Fleisch - lebe wohl"(Quelle: Erzbistum Köln).


Karneval (Fastelovend, Fastnacht) wird zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch gefeiert. Rosenmontag ist immer der Montag vor Aschermittwoch. Der Straßen Karneval ist also an den Beginn der Fastenzeit und somit an den Kirchenkalender gebunden. Bezüglich des Starttermins am 11.11. um 11 Uhr 11 gibt es verschiedene Theorien die in christlichen Feiertagen, bäuerlichem Brauchtum und heidnischem Kult wurzeln.

Wo wird Karneval gefeiert?

Karneval wird weltweit gefeiert. Ich werde jetzt hier nicht alle Länder aufzählen aber doch die wichtigsten.


  • BRASILIEN / Rio de Janeiro Der Karneval in Rio wird über 5 Tage gefeiert, von Freitag bis zum folgenden Dienstag, bekannt als Faschingsdienstag, der Tag vor der Fastenzeit. ... Die Absicht des Karnevals ist es, eine letzte Partywoche zu feiern, vor der Abstinenz von 40 Tagen die mit Ostern endet, der Tag an dem Jesus auferstanden ist. (Quelle: Karneval Rio)

  • ITALIEN / Venedig „Carnevale di Venezia“ Die Ursprünge des venezianischen Karnevals muss man früh im Mittelalter suchen. Im Jahr 1094 taucht der Begriff „Carnevale di Venezia“ erstmals in einem Schriftstück des Dogen Vitale Falier auf. Die christliche Bezeichnung des Carnevals („carne vale“ = „Fleisch, lebe wohl“) deutet bereits auf die letzte Nacht vor der Fastenzeit hin. Ursprünglich dürfte es sich jedoch um ein Fest zum Einzug des Frühlings gehandelt haben. Der Karneval von Venedig fand 1420 jedoch schließlich seine heutige Bestimmung. Der Doge ließ erstmals ein Fest zu Ehren des ruhmreichen Sieges der Venezianer über das nördliche Aquileia abhalten. In einer Zeremonie wurden dabei ein Ochse und 12 Schweine als Symbol für das feindliche Aquileia geschlachtet. Dieses Fest fand von nun an jedes Jahr statt und bezog mehr und mehr die Bürger Venedigs in die Festlichkeiten und das bunte Treiben mit ein. (Quelle: Karneval Venedig)

  • USA / New Orleans "Mardi Gras" Mardi Gras kommt aus dem Französischen und heißt übersetzt „Fetter Dienstag“. Er spielt damit auf das bunte Leben und gute Essen vor Aschermittwoch und der beginnenden Fastenzeit an. Mardi Gras hat seine Ursprünge im Mitterlalter in Europa. Über Rom und Venedig kam die Tradition nach Frankreich und von dort in die französischen Kolonien. 1699 kam der Entdecker Jean Baptiste Le Moyne Sieur de Bienville nach Amerika, und erreichte am Vorabend von Mardi Gras die Gegend nahe des heutigen New Orleans. Daraufhin benannte er das Stück Land „Pointe du Mardi Gras“. Bienville gründete 1902 auch „Fort Louis de la Louisiane“, die heutige Stadt Mobile, wo ein Jahr später die erste Mardi-Gras-Feier auf dem amerikanischen Kontinent stattfand. In New Orleans begann die Tradition erst gute 20 Jahre später. (Quelle: Mardi Gras)

  • SCHWEIZ / Basel "Basler Fastnacht" Die Basler Fastnacht beginnt, wenn bei uns schon längst wieder alle abgeschminkt im Bett liegen. Er beginnt erst am Montag nach Aschermittwoch um 4 Uhr morgens mit dem "Morgestraich". Dabei wird in der ganzen Stadt die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet und die Fastnachtsgruppen, die hier „Cliquen“ heißen, dürfen ihr fröhliches Unwesen in den Straßen treiben. Nach drei Tagen endet die Basler Fastnacht mit dem "Ändstraich". (Quelle: Feierfreund) Dass es in Basel und Umgebung erst eine Woche später losgeht, hat nichts mit einer reformatorischen Ablehnung der katholischen gregorianischen Kalenderreform zu tun. Der Grund liegt vielmehr in uralten, bis ins 11. Jahrhundert zurückreichenden Meinungsverschiedenheiten über den Beginn und die Länge der Fastenzeit. (Quelle: Basler Fastnacht)

Es ist also egal wo auf der Welt Karneval gefeiert wird. Man kann wohl ohne weitere Recherche festhalten, daß Ursprung und Termin untrennbar mit der Zeit vor Beginn der Fastenzeit verbunden sind.

Auf der ganzen Welt wird kurz vor Beginn der Fastenzeit ausgelassen und in vollen Zügen gespeist, getrunken und gefeiert.


Kommen wir zurück nach Deutschland...

Karneval ist, besonders in den bekannten Karnevalshochburgen, fest in den Terminkalendern verankert. Karneval ist Brauchtum.

Aber was bedeutet das eigentlich?


Ich glaube es ist sehr wichtig den Karneval differenziert zu betrachten um zu verstehen worum es mir hier geht.

Ich habe in meiner recht kurzen Karnevalskarriere recht schnell gelernt, daß Karneval nicht gleich Karneval ist...


Da gibt es das intensive Vereinsleben, egal in welcher Stadt. Für die aktiven Vereinsmitglieder ist 365 Tage im Jahr Karneval. Brauchtumspflege ist nicht nur Spaß sondern auch ein anstrengender Job und das zu 100% im Ehrenamt. Es geht um Mitgliederbetreuung, Jugendförderung, Terminplanung, Wagenbau, Charity und Finanzverwaltung. Es müssen Sponsoren gefunden, Termine geplant und Künstler eingekauft werden. Tanzgruppen brauchen Trainer, Trainingsmöglichkeiten und Uniformen/Show Outfits. Karneval endet im Verein nicht an Aschermittwoch. Man trifft sich regelmäßig, plant und kümmert sich um Vereinskameraden. Vereinsleben heißt auch die alten und einsamen aufzufangen und jung und alt zu verbinden, nicht nur innerhalb des Vereins.

Es gibt kaum einen Karnevalsverein der nicht zumindest eine Veranstaltung in einem Altenheim, Kinderhospiz oder Krankenhaus organisiert. Karnevalisten reden nicht nur von Toleranz und Integration, sie leben diese auch. Sogar die zugegebenermaßen noch große Dominanz der Männer nimmt mehr und mehr ab. Weibliche Präsidentinnen und Vorstandsvorsitzende machen den Herren ganz schön Dampf unterm Kessel.


Betrachten wir mal den Sitzungskarneval. Es gibt die unterschiedlichsten Sitzungen / Veranstaltungen die hauptsächlich zwischen dem 11.11. und Altweiber stattfinden. Egal ob Brauhaussitzung, Kostümsitzung, Prunksitzung, Gala Sitzung...

Sie alle werden von den Vereinen selbst organisiert, durchgeführt und betreut. Das ist harte Arbeit und kostet zunächst einmal viel Geld. Im Idealfall lautet die Bilanz nach Ticketverkauf und Durchführung mindestens +/- 0. Das ist aber leider oft nicht so. Dort wo Gewinn erzielt wird, wird dieser nicht selten für gute Zwecke von den organisierenden Vereinen gespendet.


Der Straßenkarneval, also die Zeit von Altweiber bis Rosenmontag, hat leider zwei Gesichter. Da gibt es zum einen die Biwaks der Vereine, die Veedelszüge und den absoluten Höhepunkt der Karnevalssession den Rosenmontagszug. Diese fünf Tage sind für Herzblutkarnevalisten die Belohnung für 360 Tage Vereinsarbeit, Training, Auftritte.

Es gibt aber auch die unschöne Seite. Die schwerst alkoholisierten Menschenmassen in den Straßen, öffentlichen Verkehrsmitteln und Kneipen. Menschen die mit Karneval nichts am Hut haben und einfach nur saufen und pöbeln wollen. Nicht das wir uns falsch verstehen... Natürlich trinkt auch so mancher Karnevalist einen oder auch zwei über den Durst und / oder benimmt sich mal daneben. Karnevalisten sind ja auch nur Menschen und keine Heiligen.

Dennoch steht das Besäufnis nicht im Mittelpunkt ihres Seins in der Karnevalswoche. Es ist schade, daß beim unbeteiligten Beobachter dieser wichtige Unterschied nicht gesehen wird.


Wirtschaftsfaktor Karneval

Deutschlandweit ist der Karneval ein Milliardengeschäft. Besonders profitieren Hotel- und Gastronomiebetriebe, aber auch die Transport-, Event- und Textilindustrie. ... Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group hat mit der Rheinischen Fachhochschule Köln 2018 die Wirtschaftskraft des Karnevals in der Domstadt untersucht. Allein hier generiert der Karneval rund 600 Millionen Euro Umsatz.

(Quelle: Handelsblatt)

Worauf möchte ich hinaus?

Zunächst möchte ich, daß jeder der das hier liest ein bißchen besser versteht warum Karneval den Karnevalisten so viel bedeutet. Warum Karneval nicht nur "so ein Besäufnis" ist daß man einfach mal wieder (zum zweiten Mal) absagen kann.

Ich möchte verdeutlichen warum ich finde, daß die Verschiebung des Rosenmontagszuges meines Erachtens die einzig richtige Lösung ist.

Zu meinem allergrößten Erstaunen habe ich gestern die Stellungnahme des Festkomitees Kölner Karneval in Facebook gelesen.



Natürlich hat das Kölner Festkomitee zunächst erst mal das Recht zu der Aussage, daß Karneval an einen fest vorgegebenen zeitlichen Rahmen, bestimmt durch den Beginn der Fastenzeit, geknüpft ist. Die historische Verbindung unseres geliebten Winterbrauchtums mit Kirche und Fastenzeit habe ich ja zuvor aufgezeigt.

Mir ist auch klar, daß es in Köln zum guten Ton gehört Düsseldorf doof zu finden und umgekehrt ist es ja auch so. Diese Frotzeleien sind im "normalen" Alltag ja auch mal mehr, mal weniger amüsant. Aber in Zeiten der Pandemie sollte der ein oder andere Verantwortliche vielleicht doch erst mal tief Luft holen, denken und dann handeln / reden / angreifen.


Was wirft das Kölner Festkomitee dem CC (Comitee Düsseldorfer Carneval) vor? Ich sage bewußt nicht "die Kölner", denn ich habe schon unzählige pro Düsseldorf Kommentare von Kölnern zu diesem Thema gelesen.


Die Düsseldorfer feiern Karneval nicht richtig, wollen nur Party & Kommerz

Das ist ein Schlag ins Gesicht eines jeden aktiven Karnevalisten in Düsseldorf. Das ist eine Unverschämtheit. Wie blasiert kann man sein? In Düsseldorf arbeiten tausende Karnevalisten 365 Tage im Jahr ehrenamtlich wie eingangs beschrieben. Da ist in diese Richtung schon mal eine Entschuldigung fällig.


Düsseldorf verschiebt aus rein wirtschaftlichen Interessen

Wie wenig kann man sich eigentlich selbst reflektieren? Als ob Köln keine wirtschaftlichen Interessen am Karneval hätte... (s.o. 'Wirtschaftsfaktor Karneval')


Um das Bild abzurunden hier das Statement des Comitee Düsseldorfer Carneval


Warum empfinde ich den Düsseldorfer Weg als richtig? Natürlich steht für alle Karnevalisten, egal aus welcher Stadt, das Allgemeinwohl,

die Gesundheit der Menschen im Vordergrund. Dafür sind beide Seiten auf ganz unterschiedliche Weise bereit schweren Herzens auf ihre geliebte Tradition zu verzichten.

Köln positioniert sich konservativ, etwas eingestaubt und auch ein bißchen trotzig mit der Aussage "Entweder zum gewohnten Termin oder eben nicht".

Düsseldorf beleuchtet alle wichtigen Aspekte rund um die Realisierung des Karnevals. Hier hat man sich mit der Kirche und der Stadt abgestimmt. Man hat die Entwicklung der Pandemie im Blick und vergisst dabei nicht die vielen geimpften fleissigen Karnevalisten, die Zulieferer, Dienstleister, Künstler, Gaststätten. Mit der Verschiebung des Zuges und somit auch dem längeren Zeitrahmen zur Durchführung von Veranstaltungen, steigen die Chancen auf Durchführung.


Ich unterstelle dem CC (Comitee Düsseldorfer Carneval) jetzt einfach mal an folgende Fakten gedacht zu haben:


  • Es besteht NOCH kein Verbot des Rosenmontagszuges am 28.02.2022

  • Aus Rücksicht und Planungsunsicherheit sagen viele Vereine bereits jetzt eigenständig ihre Veranstaltungen ab.

Und genau DAS ist das PROBLEM: Diese Absagen sind verständlich, erfolgen aber eigeninitiativ und kommen die Vereine im Zweifel teuer zu stehen. Bestehende Verträge mit Künstlern und Veranstaltungsorten müssen in aller Regel erfüllt werden. Bei einem Veranstaltungsverbot (Lockdown) seitens der Regierung sähe das schon ganz anders aus. Selbst wenn dies Vertragspartner wollten, sie können nicht noch einmal auf ihre Einnahmen verzichten.


Auch für den Fall, daß die Regierung Karneval nicht untersagt besteht noch immer die Möglichkeit, daß die Veranstaltungskapazitäten verringert werden oder schlichtweg aus Angst zu wenig Gäste kommen. In aller Regel ist so knapp am Break Even kalkuliert, daß jedes Eindampfen der Veranstaltungen diese unwirtschaftlich macht.

Wir haben in diesen fast zwei Jahren viel über die Pandemie gelernt. Ein wichtiger Punkt ist sicherlich, daß die Zahlen mit zunehmender Außentemperatur sinken. Warum also sollte man diesen Vorteil nicht nutzen um den sozial und wirtschaftlich so wichtigen Karneval stattfinden zu lassen?


Dieses alte Brauchtum geht nicht dadurch kaputt, daß es einmal wegen einer Pandemie verschoben wird.

Es geht aber kaputt wenn Karnevalisten aus Frust und Verzweiflung aufgeben, weil die Jugend mal wieder umsonst Tänze einstudiert hat, weil Kostüme schon wieder für nichts genäht wurden, Orden keine Augen zum Glänzen bringen konnten und große wie kleine Prinzen(paare) und Dreigestirne nicht im Zug Kamelle werfen konnten.


Das musste mal raus ;-)


Nachtrag: Ich bin nicht gläubig, respektiere aber den christlichen Aspekt des Karnevals. Vielleicht ist deshalb meine Sicht auf die Gewichtung dieses Termins auch ein bisschen naiv. Das mag sein. Falls ich mit meinen Ausführungen jemand beleidigt haben sollte, so tut mir das aufrichtig leid und es war auch ganz bestimmt nicht meine Intention.


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