**** Glamping?!?

Wir haben jetzt vier Sterne!“ halt es durch meinen Kopf. Noch immer stehe ich verdutzt am Eingang unseres Campingplatzes und versuche den Zusammenhang zwischen diesem Satz und den mir soeben mitgeteilten neuen Hausregeln

zu verstehen.


Aber von Anfang…


1985 fuhr ich das erste Mal nach Saint Girons, einem kleinen Ort an der französischen Atlantikküste, ca. 120 km vor der spanischen Grenze.

Vielle Saint Girons ist klein, Saint Girons Plage besteht aus zwei Campingplätzen links und rechts der Zufahrtsstraße, einem Kreisverkehr und einer „Promenade“ mit 2-3 Surfshops, einer Hand voll mehr oder weniger guter Restaurants, zwei Surfschulen, einer Beach Bar und einer Kombi aus Pommesbude und Eisdiele. Beinahe hätte ich der prachtvollen Promenade Unrecht getan, es gibt noch einen Mini Markt, heute ist es ein Spar und ein Kinderkarussell.



Damals schleppte mich meine Freundin Caki, das war ihr Spitzname, per ICE und TGV mit dort hin. Sie war seit jüngster Kindheit mit ihrer Familie Stammgast auf dem linken Campingplatz, das war damals schon der Platz für Familien.

Der rechte Campingplatz, zu dieser Zeit noch municipal, also städtisch, war wesentlich unkomfortabler und günstiger. Dort campten die aus unserer Sicht viel cooleren Surfer.


Wir schlugen also wohl oder übel unsere mini Zelte neben dem großen Wohnzelt ihrer Eltern auf dem uncoolen Campingplatz auf und lebten, abgesehen von den unvermeidlichen Spüldiensten, das wilde und freie Leben von Teenagern in den Achtzigern. Bon Jovi, auf dem Ghettoblaster oder über Walkman abgespielt, bot den Soundtrack unseres Urlaubs. Wir hingen mit den coolen Surfern und Locals ab, feierten unvergessene Beachparties mit Lagerfeuer und schauerlichen Gesängen zu ungestimmten Akustikgitarren, erkundeten verlassene Geisterhäuser in den Dünen, tranken Bier und rauchten hin und wieder auch mal verbotene Substanzen und wir knutschten. Wir machten eben alles was man als Teenager so tut und es war herrlich.

Dieser erste Urlaub gab den Anstoss für viele folgende Urlaube dort.


In dieser Zeit schloss ich Freundschaften die seither andauern und uns alle verbindet die immer währende Sehnsucht nach diesem wundervollen Ort, der Unbeschwertheit unserer Jugend. Die meisten von uns sind, genau wie ich, immer wieder hierhin gekommen.

Inzwischen sind wir selber Eltern und viele von uns haben ihre Kinder hier aufwachsen und ihren Selbständigkeits-Radius erweitern sehen. Auch ich komme mit meiner Familie seit dem zweiten Lebensjahr unserer Tochter wieder hier hin.


Seit wir als Familie hierher kommen, schlagen wir unser Zelt immer auf dem rechten Campingplatz auf. Der Platz ist natürlich schon lange nicht mehr städtisch und hat sich erheblich weiterentwickelt seit meiner Jugend. Die Frankreich typischen Toilettenlöcher wurden durch die in Deutschland bekannte Sitzkeramik ersetzt und es gibt einen recht luxuriösen Pool der im Laufe der letzten 12 Jahre erheblich erweitert wurde. Es gibt jetzt viele coole Surfer und coole Familien.






Ein riesiger Vorteil dieses Campingplatzes ist die direkte Anbindung an den Strand. Wenn man einmal den von uns scherzhaft „Todesstreifen“ oder auch „Death Valley“ genannten Weg hinter sich gebracht hat muss man nur noch über die Düne laufen um direkt am wohl längsten und wunderbarsten Strand Europas zu stehen.

Unendliche Kilometer feinsten weißen Sandstrandes und dazu der kristallklare Atlantik, ohne Quallen oder Algen, lassen mich jedes Mal bei ihrem Anblick gerührt und demütig werden.

Das ist einfach der Ort an dem ich zur Ruhe komme. Das ist der Ort an dem die Uhren tatsächlich für die paar Wochen Urlaub im Jahr langsamer ticken.


… zurück zum Anfang…


Jetzt stehe ich hier in Saint Girons Plage vor meinem geliebten Campingplatz.

Wir haben die rund 1250 km mal wieder unfallfrei hinter uns gebracht und freuen uns auf unser Idyll bestehend aus Zelt- und Caravan-Plätzen, ein paar Mobile Homes und viel Hippie Flair.

Doch was ist das erste was ich beim Einchecken zu hören bekomme? „Sie dürfen keine Wäscheleine aufhängen Madame“, piepst mir die kleine Rezeptionistin mit ihrem dürftigen Deutsch überfreundlich entgegen. Ich erstarre und frage mich ob ich nicht vielleicht besser Englisch mit ihr rede, denn das kann sie ja wohl kaum ernst meinen. Ich frage also nach: „Entschuldigung, ich habe Sie falsch verstanden oder? Keine Wäscheleine? Das geht ja gar nicht. Wir müssen ja die nassen Strand und Surf Sachen trocknen können.“ „Doch Madame, keine Wäscheleine.“ sagt sie ganz selbstverständlich. Ich versuche die Fassung zu bewahren und das ist ehrlicherweise nach der Anreise und mit einem drohenden Regenguss zur Zeltaufbau Zeit nicht mehr ganz einfach. Freundlich aber doch ein wenig bestimmt, wer mich kennt weiß wie das klingt, frage ich also: „Das ist ihr Ernst? Warum?“. Die Rezeptionistin schaut mich mit einem zuckersüßen Lächeln zwischen gespielter Freundlichkeit und Triumph an und sagt mit fester aber leider sehr hoher Stimme: „Wir haben jetzt VIER Sterne!“. Mir klappt die Kinnlade bis auf den sandigen Fliesenboden runter und ich sage nur „Aha!“.

Was soll man dazu noch sagen? Ich bin sprachlos und das ist wirklich ganz selten.


Nun gut. Ich bin endlich an meinem Sehnsuchtsort. Ich habe Urlaub und den lasse ich mir auch nicht von der französischen Version der Fräulein Rottenmeier versauen, wäre ja noch schöner. Also schlucke ich die Kröte erst einmal und mache mich mit Mann und Kind im vollbeladenen Bus auf den Weg zu unserem Zeltplatz.

Uff! Was ist denn hier passiert? Ich komme mir vor wie auf einem Monopoly Spielbrett auf dem mein Gegenspieler plötzlich ganz viel Geld kassiert hat und mir ein Haus nach dem anderen vor die Nase setzt. Mobile Home reiht sich an Mobile Home. Es sind kaum noch Zeltplätze verfügbar und die die es gibt, die sind schräg, sehr schräg.

Der ursprünglich von uns im letzten Jahr als optimal auserwählte Zeltplatz gleicht inzwischen einem Steilhang und wir können beim besten Willen keine Chance sehen unser Zelt so auszurichten, daß wir nicht in eine der vier Himmelsrichtungen aus dem Bett kullern.


Okay, es hilft ja nichts… auf zu unserer piepsenden Freundin an die Rezeption. Madame scheint mit unserem Anliegen auf Platztausch nicht nur sprachlich überfordert und übergibt uns den treu sorgenden Händen einer tatsächlich netten und hilfsbereiten Mitarbeiterin die scheinbar mindestens eine Kaste über unserem kleinen französischen Piepmatz steht.

Im Nu gibt sie uns eine Liste von möglichen Optionen die wir uns ansehen sollen. Ich mach es kurz, die sind noch schlimmer.


Dritter Anlauf.

Inzwischen ziehen sich die Regenwolken gefährlich über unseren Köpfen zusammen und ich fürchte um den notwendigen Zeltaufbau. Immerhin misst unser Zelt ganze 28qm und ist nicht mal eben in fünf Minuten einzugsbereit.

Die freundliche Vorgesetzte nimmt sich wieder unserer an und findet zwei weitere Plätze. Wir fragen unterdessen ob nicht vielleicht jemand einfach kurz eine glatte Fläche mit den vor Ort verfügbaren Gerätschaften auf den von uns eigentlich gewünschten Platz schieben könnte. Das geht leider nicht wegen des Naturschutzes.

Okay, macht Sinn. Die armen Bäume, die für die Mobile Homes und Straßen weichen mussten waren bestimmt alle krank. Schade.

Am Ende entscheiden wir uns für den einzigen Platz der uns gerades Liegen und somit ruhigen Schlaf ermöglicht. Leider bietet dieser keine Möglichkeit unsere heiß geliebte Hängematte aufzuhängen. Zähneknirschend nehmen wir es hin und schaffen es, trotz heftigem Regenguss, unser Zelt unbeschadet aufzubauen.


Jetzt können wir uns endlich erholen, denken wir bevor wir merken, daß es sich bei dem Mobile Home in direkter Nachbarschaft um eine unvollständige Baustelle handelt die nach Fertigstellung der Beherbergung des Kids Clubs dienen wird. Ich nehme mir noch ein Bier und versuche zu sortieren was mich mehr abschreckt.

Der unausweichliche Baulärm oder die demnächst zu Hauf in Aufbewahrung gegebenen kleinen französischen Kinder?

Versteht mich nicht falsch...

Ich mag Kinder, auch kleine französische.

Aber unsere Tochter ist jetzt fast 15. Ich habe diese Kleinkind Zeit wirklich sehr genossen, die ist jetzt aber vorbei. Es hat eben alles seine Zeit und jetzt ist für mich Urlaubszeit.


Ich weiß nicht so recht ob ich lachen oder weinen soll, denn ich brauche hier keine Sterne und die meisten Camper mit denen man hier spricht brauchen sie auch nicht. Wir alle brauchen die Lässigkeit und die Ungezwungenheit des Campings. Wir lieben unsere Wäscheleine und die Hängematte, ja sogar unsere immer dreckigen Camperfüße. Wenn wir den Luxus einer vier Sterne Herberge wollten, dann würden wir uns in eben so eine einmieten und uns dort verwöhnen lassen.

Natürlich ist es schön, daß man sich um die Sauberkeit der sanitären Anlagen noch ein wenig mehr bemüht als bisher, das sollte aber eigentlich selbstverständlich sein.

Wenn man sich aber mit seinen Sternen rühmt, dann erwarte ich daß es Seife und Toilettenpapier in den Toilettenhäusern gibt.

Ich möchte bei vier Sternen auch in der Vorsaison nicht von Baggern oder anderen Maschinen auf Baustellen neben meinem Zelt geweckt werden und ich möchte das Sport Angebot, wie zuvor mit drei Sternen, weiterhin kostenlos nutzen und keine 5€ für 30 Minuten Spinnig zahlen.


Ich beschließe ruhig zu bleiben und nehme mir vor das was kommt gelassen zu nehmen, schließlich ist das mein Ruheort. Hier komme ich zur Ruhe, auch wenn es um mich herum nicht ruhig ist. Ich verdränge die immer lauter werdenden Stimmen in meinem Hinterkopf die mir sagen, daß es vielleicht langsam Zeit wird loszulassen, weiter zu ziehen.

Ich sehe meine Tochter an und weiß es wird auch ihr weh tun, denn sie ist hier groß geworden.

Wir werden sehen…



Das musste auf jeden Fall mal raus...

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